Das etwas andere Paradies

Im Sommer wär’s ein schöner Radlausflug
geworden, der nasskalte Februar
hat eine Schlammrallye daraus gemacht
und in dem (zumindest für einen bekennenden
Innenstadtfan) Niemandsland
im Augsburger Nordwesten - irgendwo
zwischen den beiden Bahnlinien nach Neusäß
und Gersthofen und ungefähr da, “wo
früher der Siedlerhof war” – hätte man alles
vermutet, aber sicher nicht das Clubheim eines
Fetischvereins. Schon die Frage nach
dem Mittleren Schleisweg bringt die Einheimischen
ins Schleudern, so dass man die
Gegenfrage “Was soll da sein?” lieber unbeantwortet
lässt. Doch nach einer halben Stunde
Suchen und Fluchen sowie einer Achse
und Steißbein gefährdenden Schlaglochrallye
ist man auch schon am Ziel. Ein paar verstreute
Wohnhäuser, der
Motorboot-Sport-Freunde e.V. und ein nicht
mehr ganz frischer Wegweiser zur “Shiloh
Ranch” umgeben die Toreinfahrt zum Gelände
der früheren Bahngärtnerei, in dem der
Verein “Fetish4all” seit einem halben Jahr
sein Domizil gefunden hat: Drei langgestreckte,
flache Gebäude gruppieren sich um einen
Hof, der, umgeben von verwilderten
Hecken, von zwei riesigen Doggen bewacht
wird, wobei die größere mit ein bisschen Fantasie
locker als Pferd durchgehen würde.
Dass besagte Hundedame auf den Namen
“Domino” hört, erfahre ich erst später, ebenso,
dass auf dem Gelände früher sogar Strafgefangene
schufteten. Doch nun genug des
Edgar-Wallace-Szenarios, rein ins Vergnügen,
Vereinschefin Gabriele E. lädt mich in die
gute Stube des Fetischvereins. Wir betreten
ein gemütliches Zimmer mit Esstisch und
Holzofen, es gibt Kaffee und Marmorkuchen
– und im Eck steht eine Schaufensterpuppe
in Lackkostüm und Maske.
Spiel mit Grenzen
Ausschlaggebend für die Vereinsgründung
war wie so oft der Mangel: “In Augsburg gibt
es einfach keinen Platz, wo sich Fetischisten
ausleben können, und auch in München nur
bedingt”, erzählt Gabi, der zufolge das Ganze
ein bundesweit einzigartiges Projekt ist.
Wer eine Vorliebe für außergewöhnliche Praktiken
der, na ja, nennen wir es mal Stimulation
hat, ist neben allerlei Vorurteilen vor allem
mit dem Problem konfrontiert, einen passenden
Treffpunkt zu finden. Es gibt zwar Domina-
Studios und ähnliche professionelle
Angebote, doch sind die zeitlich begrenzt
und nicht ganz billig - und meistens an Männer
gerichtet. Auf dem Vereinsgelände kann
man dagegen völlig unkompliziert ein ganzes
Wochenende verbringen - und spielen.
Ein Ansatz, der Gabi ganz wichtig ist: “Fetisch
bedeutet nicht automatisch Sex und wir
sind hier auch kein Swingerclub, oder so. Und
es ist schon gar nichts Schlimmes. Untersuchungen
gehen davon aus, dass fünf bis 25
Prozent der Bevölkerung entsprechende Neigungen
aufweisen, das darf man ruhig bekannt
machen, auch um den Leuten die
Angst zu nehmen. Vor allem habe ich gemerkt,
dass es viele Mädels gibt, die sich nicht
trauen, mal etwas auszuprobieren und sich
zu testen, hier können sie es.”
Und was ist nun Fetisch eigentlich genau?
Laut Wörterbuch ein “Abgott” oder “Gegenstand
der Verehrung”, bedeutet Fetischismus
in diesem Fall eine meist sexuelle Abweichung
von der Norm, bei der ein unbelebter
Gegenstand, der sogenannte Fetisch, als Reiz
der Erregung dient. Das fetischistische Verhalten
unterscheidet sich individuell stark
und kann sich auf einen einzigen Gegenstand,
auf mehrere Objekte, Materialien oder
auch auf Körperteile beziehen. Die am häufigsten
anzutreffenden Fetische sind Kleidungsstücke,
die oft in erotische Rollenspiele
verpackt werden, meistens im Dominanz-
Unterordnung-Schema, von der züchtigen-
den Lehrerin bis zu Fesselungspraktiken
(Bondage) und Lustschmerz durch spielerische
Bestrafung. “Alles in gegenseitigem
Einverständnis, mit klar festgesetzten Grenzen
und einem vereinbarten ’Safeword’, bei
dem sofort Schluss ist”, erzählt Gabi und fährt
fort: “Wirklich wahr, es ist beeindruckend,
wie hoch die Disziplin in der Szene ist, so ist
zum Beispiel Alkohol größtenteils verpönt.”

Folterkammer? Spielzimmer!
Beim Rundgang über das 4.000 Quadratmeter
große Gelände unter den strengen Augen
der Hündin “Domino” versteht man den
Enthusiasmus der Chefin. An das Hauptgebäude
schließt ein Glashaus an, mit Bühne
und Springbrunnen, daneben liegt ein großer
Garten mit Feuerstelle, der im Sommer
um ein Schlammbad erweitert werden soll.
Zwischen Gestrüpp und verwilderten Hecken
warten noch zahlreiche Schuppen, weitere
Glashäuser und sogar ein Stall. “Man
glaubt nicht, was das für eine Arbeit war, das
stand jahrelang leer hier und war dementsprechend
verwildert”, erzählt Gabi und weiß
dabei, dass noch einiges an Schufterei auf
sie und ihre Mitstreiter zukommt. “Aber das
geht okay, die Arbeit und natürlich das Grillen
danach hat uns auch zusammengeschweißt.”
Dabei hat es durchaus etwas
Surreales, wie sie mit hochhackigen Schuhen
und rotem Ledermantel durchs Gestrüpp
streift und von der gärtnerischen Knochenarbeit
des vergangenen Sommers erzählt.
Zurück im Inneren des Vereinsheimes durchstreifen
wir die verschiedenen Zimmer, die in
ihrer Mischung aus Jugendherberge, Arbeiterwohnheim
und Motto-Motel die perfekte
Kulisse für einen Tarantino-Film abgeben
würden. Neben dem Versammlungsraum, der
Sklavensuite und dem Schulzimmer mit Pult
und Tafel gibt es mehrere Dusch- und Umkleideräume,
deren Spinde teilweise noch die
Namen der Vorbewohner tragen, die wohl
nicht alle ganz freiwillig hier waren. “Hier
gab es auch Strafgefangene”, weiß Gabi zu
berichten, während sie durch ihr Reich führt
und immer wieder auf verschiedene wiederentdeckte
Schätze hinweist, wie das reichlich
verstimmte Klavier oder die alte
Schaltanlage. Und spätestens im sogenannten
“Spielzimmer” wird’s komplett filmreif:
Im letzten Winkel des Kellers, hinter dicken
Wänden und schweren Eisentüren (Zitat:
“Schreien könnte man hier tagelang.”) stehen
die berühmt-berüchtigten Instrumente,
die Normalos wie mich (im Szene-Fachjargon
“Vanillas” genannt) naturgemäß an eine
Folterkammer erinnern: mehrere Kreuzvorrichtungen
zum Fesseln, eine Lederbank mit
demselben Zweck, eine Art Stuhl, um in
kniender Haltung am Bewegen gehindert zu
werden, ein Käfig... Während ich leicht schockiert
um mich blicke, prüft Gabi das neuangebrachte
Kettenkreuz in der Mitte des
Raumes und lobt die Arbeit ihrer Kollegen:
“Super, für jede Größe einstellbar!” Ich nicke
und muss an die Millionen von Hobbykellern
in bundesrepublikanischen
Einfamilienhäusern denken. So gesehen, ein
ganz normaler Freizeitraum, nicht besser oder
schlechter, nicht spießiger oder ausgeflippter
als jede andere Modelleisenbahnanlage
oder Hobby-Schnapsbrennerei. Und irgendwie
typisch deutsch.

Bei Fetish4all zahlt man im Jahr einhundert
Euro und bekommt dafür neben der Nutzung
des Vereinsgeländes einiges geboten: Workshops
zu Themen wie Bondage oder Aktfotografie
stehen genauso auf dem Programm
wie Vernissagen, erotische Lesungen oder ein
Flohmarkt. Wer sich das Ganze mal ansehen
will, hat bei einem regelmäßig stattfindenden
“Tag der offenen Tür” Gelegenheit dazu.
Eigentlich also ein ganz normaler Verein, eingetragen
beim Amtsgericht, mit Registernummer,
Satzung und Bankverbindung. Chefin
Gabi plant jetzt sogar, die Gemeinnützigkeit
anzustreben: “Allein der hohe Prozentsatz
an potentiellen Fetischisten spricht dafür.
Dazu kommt, dass wir aktiv Aufklärung und
Informationen bieten zu Themen wie Aids
oder Sicherheit. Anders formuliert: Manche
schieben sich einfach riesige Teile irgendwo
rein, wo sie einfach nicht hingehören und
wirklich gefährlich sein können, da schadet
ein bisschen Information nicht.” Das Finanzamt
habe beim Thema Gemeinnützigkeit
zwar schon abgewinkt, aber Gabi ist keine,
die so schnell aufgibt: “Der Motorbootverein
hier nebenan ist auch gemeinnützig – das
soll mir mal einer erklären...”
Die lebenslustige Mittvierzigerin arbeitet als
selbstständige Buchhalterin und strahlt das
Selbstbewusstsein eines Menschen aus, der
seine Entscheidung getroffen hat und damit
im Reinen ist: “Es ist wie beim Essen, der eine
mag Tomaten, der andere nicht. Uns stimulieren
Sachen, die andere kalt lassen und
umgekehrt - leben und leben lassen - und
hier können wir das endlich ungestört tun.”
Dabei achtet Gabi genau darauf, wer Mitglied
des Vereins wird: “Wir wollen keine Idioten
oder reine Szenegänger, der familiäre Flair
ist ganz wichtig und wir verfolgen keine finanziellen
Interessen.” Zurzeit zählt der Verein
etwa 40 Mitglieder, laut der Vorsitzenden
“vom Priester bis zum Bauunternehmer”, und
mehr als 100 sollen es auch nicht werden.
“Es sind meistens Personen gehobenerer Bildung
um die vierzig. In dem Alter haben die
meisten schon Ehe und Kinder erlebt, beschäftigen
sich nun zum ersten Mal mit sich
selbst und können ihre Neigungen erst jetzt
zulassen.” Zu Gabis Leidwesen sind es hauptsächlich
Männer, die sich bei ihr melden,
doch zeigt sie durchaus Verständnis für ihre
Geschlechtsgenossinnen: “Als Frau alleine
irgendwo hinzugehen, erfordert schon etwas
Mut, aber ich hoffe, dass sich die Mädels von
unserem Angebot angesprochen fühlen.”

(flo)

Quelle: Neue Szene, Ausgabe März 2009

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